Interview mit der Kanzlerin der Alanus Hochschule, Myrle Dziak-Mahler

Das Interview führten Myriam Courrèges und Carla Ida Moschner

Carla: Herzlich Willkommen, Myrle Dziak-Mahler, zu unserem heutigen Interview im Rahmen der Themenwoche “Geschlechter(un)gerechte Hochschulen”. Mein Name ist Carla, Myriam ist noch dabei und wir haben Fragen mitgebracht rund um das Thema Geschlechtergerechtigkeit an Hochschulen mit dem heutigen Fokus auf der Alanus Hochschule. Dann springen wir doch einfach mal ins kalte Wasser mit der ersten Frage: Seit Beginn des Jahres sind Sie nun an der Alanus Hochschule als Kanzlerin. Welche positiven oder negativen Dinge sind Ihnen in dieser Zeit schon an der Alanus aufgefallen, was die Geschlechtergerechtigkeit betrifft?

Myrle: Mir ist tatsächlich erstmal nichts besonderes aufgefallen in puncto Geschlechtergerechtigkeit an der Hochschule. Was nicht bedeutet, dass ich sie als besonders geschlechtergerecht, im Verhältnis zu anderen Bildungseinrichtungen, die ich kenne, wahrnehmen würde. Das kann man so und so interpretieren: Mir ist nicht aufgefallen, dass es hier vor patriarchalen Chauvinismus nur so strotzt, aber ich habe jetzt auch nicht unbedingt prima vista wahrgenommen, dass es hier besonders geschlechtergerecht ist. Jetzt im neu gewählten Rektorat ist natürlich auffällig, dass ich nun von Vieren die einzige Frau bin. Das ist meiner Erfahrung nach keine glückliche Konstellation. Ich glaube nicht, dass ich an dieser Stelle die “Quotentante” bin, auch wenn ich nichts dagegen hätte, die “Quotentante” zu sein. Die Quote führt eben zu Gerechtigkeit. Andersherum:Ich bin eine klare Freundin von Quotierung. Hier an der Alanus wäre das eine Maßnahme, die mir positiv aufgefallen wäre, wenn man beispielsweise einen solchen Beschluss an der Hochschule hätte, der besagt, dass alle Gremien zu 50 % mit Frauen besetzt sind. So einen Beschluss haben wir aber nicht, meines Wissens nach. Ich habe natürlich noch nicht alle Beschlüsse der letzten Jahre gelesen. Doch gäbe es einen solchen  Beschluss, könnte , es nicht zu solch einem Rektorat kommen.
Bei anderen Gremien, beispielsweise dem Senat, müsse man abwägen, wie man quotiert, da man damit andere Wahlfreiheiten einschränken würde. So wird oft formal argumentiert. Für mich sind das alles keine Argumente. Ich könnte mir eine wirklich konsequente Quotierung als interessante Maßnahme an der Hochschule vorstellen, um tatsächlich etwas zu verändern. Ich glaube, man kann an den Debatten um die Vorstandsbesetzung in Unternehmen sehr deutlich sehen, dass es eben nichts bringt, wenn man an Aufsichtsräte und Vorstände nur appelliert. Ein anderes Beispiel: Es wird jetzt gefeiert, dass man 30 % Quotierung durchgesetzt hat. Das ist, finde ich ehrlich gesagt, überhaupt kein Grund zum Feiern. Wir Frauen sind ja nicht 30 % der Bevölkerung sondern 50 %. Inwiefern kann man dann feiern, dass jetzt 30 % an bestimmten Stellen Frauen sein müssen? Das finde ich geradezu absurd. Ich kann rational sagen, dass es besser als nichts ist, aber das feier ich nicht, aus meiner Perspektive.
Über Quote kann man ja lange diskutieren und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich nicht immer jemand war, der sich für feministische Themen interessiert hat oder sich überhaupt über so etwas wie Quotierung Gedanken gemacht hat. Ich habe aber Zeit meines Berufslebens einfach kennengelernt, wie patriarchale Strukturen wirken, was gläserne Decken bedeuten und dass Frauen und Männer anders beurteilt werden; wie auf dieselben Sachverhalte, wenn sie von einer Frau oder von einem Mann vorgetragen werden, anders reagiert wird. Ich habe gesehen, wie Frauen anders beurteilt werden, wenn sie in Führungspositionen sind als Männer.
In meiner Herkunftsfamilie waren die Frauen stark. Meine Mutter hatte ein eigenes Geschäft, nicht mein Vater. Ich kam aus meiner kleinen Welt, die anders war. Als ich dann in die “normale Welt” kam, an der Hochschule, aber auch an der Schule, als Lehrerin: In dieser “normalen Welt” wurde ich dann mit frauenfeindlichen, ja chauvinistischen Strukturen konfrontiert. Ich glaube, es geht eben um diese strukturelle Ungerechtigkeit. Das ist vergleichbar mit der Debatte um strukturellen Rassismus. Das will ich nicht gleichsetzen, aber es hat ähnliche Erscheinungsformen. Dabei geht es um die Frage, ob man das anerkennt, dass wir in einer Welt leben in der Frauen strukturell benachteiligt werden. Und das ist so: Man braucht doppelt so viel Einsatz, doppelt so viel Power, glückliche Umstände und ein bestimmtes Durchsetzungsvermögen, um als Frau in einer solchen Welt in Funktionen und Positionen gehen zu können. Das ist anders als für Männer und ich wage die These, dass es generell für Männer leichter ist, da es ihnen mehr zugeschrieben wird.

Carla: An der Stelle fände ich es spannend, welche konkreten Maßnahmen zur Veränderung in dem Bereich an der Alanus mitgedacht werden. Wir haben nun ja schon mit Marlene Horn und Sabine Hendrikx gesprochen und bei beiden Gesprächen wurde klar, dass es bislang wenige “Sonderprogramme” gibt, die das Leben für nicht-cis-männliche Studierende erleichtern könnten. Solche Maßnahmen könnten zum Beispiel Mentoring-Programme sein oder Kinderbetreuung. Sind solche Angebote im Gespräch oder fallen solche Vorschläge hinter anderen Themen eher hinten runter?

Myrle: Was ich da heraushöre, sind Angebote, die Frauen die Teilhabe erleichtern sollen. Komisch eigentlich aber auch, dass niemand bei Kinderbetreuung an Männer denkt. Das eine, was du vorschlägst, geht in die Richtung Erleichterung der Teilhabe, das andere geht in Richtung Empowerment, wie Mentoring-Programme. Ich bin an der Uni Köln, der Universität, an der ich die letzten 16 Jahre gearbeitet habe, Mentorin in einem solchen Programm gewesen. Ich habe aber trotzdem aus verschiedenen Gründen Probleme mit dem Empowerment. Ich will damit nicht sagen, dass ich es nicht haben möchte, glaube aber, dass sie nur eine Seite der Medaille sind. Da Empowerment alleine noch nicht dazu führt, , dass die berühmten gläsernen Decken wegfallen und die Strukturen sich ändern. Je mehr wir auf Empowerment setzen, desto mehr verweisen wir die Verantwortung, etwas am Status Quo zu verändern, an die, die benachteiligt werden. Wisst ihr, das ist eine Krux und wir können das nicht auflösen. Ich glaube, wir müssen mit diesen Widersprüchen leben, da sie für mich nicht bedeuten, Empowerment-Programme nicht zu machen oder auch nicht die Entlastungsmöglichkeiten (Stichwort: Kinderbetreuung) zu diskutieren. In dem Bereich gibt es ganz viele Fördermöglichkeiten und es ist eine recht interessante Idee, dass wir uns als Alanus da mal nach Geldern umschauen. So etwas ist nie Teil der Standard-Finanzierung – was auch ein interessanter Punkt ist. Es ist einfach  vorgesehen, auch bei uns nicht. Aber es gibt Programme, um die man sich bewerben kann. Das nimmt aber nichts davon, dass auch wenn wir eine solche Förderung  hätten, wir diejenigen, die benachteiligt werden, auch noch zu denen machen, die es selbst ändern sollen.

Carla: Was wären denn Ansätze, die neben z.B. Mentoring-Programmen, auf struktureller Ebene etwas verändern könnten und nicht die Verantwortung allein bei den Benachteiligten suchen? Ich habe an der Stelle an Aufklärungsarbeit gedacht, die dann auf allen Ebenen der Institution greift und wodurch deutlich wird, dass es ein Anpacken von allen braucht. Gibt es so etwas schon an der Alanus, oder gibt es andere Mechanismen in diese Richtung, bei denen auch männliche Mitarbeitende herangezogen werden, Verantwortung zu übernehmen?

Myrle: Aufklärungsarbeit ist ja gut und schön. Ich glaube allerdings nicht, dass du irgendjemanden an der Alanus findest, der sagen wird, dass er, geschlechterungerecht sein möchte. Ich glaube, dass das nicht der Punkt ist. Ich weiß auch deswegen nicht, ob wir mehr aufklären müssen. Interessant sind Kampagnen, bei denen Männer sich für die Gleichberechtigung aktiv  einsetzen.
In Nordrhein-Westfalen haben wir zum Beispiel die Auflage, dass die Gleichstellungsbeauftragte nur eine Frau sein darf. Ist das noch zeitgemäß? Ich glaube, dass es Zeiten gegeben hat, in denen das wichtig war. Ist es aber nicht gerade jetzt so, dass wir eher einen Mann brauchen würden, der sich für Gleichstellung einsetzt? Ein Mann, der sagt, er stelle sich zur Verfügung sich dafür zu engagieren. Das steht dem Eigeninteresse entgegen. Man darf nie vergessen: Den Privilegierten müssen wir sagen, dass sie ihre Privilegien verlieren. Ganz banal gesagt, wenn sich um Führungspositionen gestritten wird, und daran wird es immer am deutlichsten, hat man ganz viele Auflagen: Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Frauen, nicht-binäre Menschen, etc. Die Liste der Diversität ist sehr lang und dadurch erhöht sich die Konkurrenz. Niemand möchte sich seine Pole-Position nehmen lassen. Männer schon gar nicht.
Die Empowerment-Programme, gerade das Mentoring, bringen wirklich sehr, sehr viel. Ich habe selber nochmal seinerzeit als Mentorin gedacht, dass es sehr schade ist, dass ich zu einem früheren Zeitpunkt in meiner Biografie so etwas nicht hatte. Denn ich glaube, dass man sehr viel lernen kann von erfahrenen Mentorinnen.

Carla: Also vom darüber reden, direkt ins Handeln kommen.

Myrle: Also mir wäre eine richtig scharfe Auseinandersetzung über z.B. die Besetzung aller Gremien mit mind. 50 % Frauenanteil wichtig. Da müssten wir entscheiden: Wollen wir das und welcher formaljuristische Weg passt dazu, der uns das ermöglicht? Das fände ich nicht schlecht. Dann haben wir nicht nur Aufklärung, dann haben wir auch sofort Meinung im Raum und dann kommt alles auf den Tisch. Wenn man nur so ein wenig rum redet, und es hat keine Konsequenzen, vor allen Dingen nicht für einen selber, dann kann man immer fein erzählen – gerade an einer Hochschule (lacht), an der wir das Rumreden ja gewöhnt sind.
Da wäre ich eher dafür, dass die Kampagnen stärker, schärfer und deutlicher sind.

Myriam: Wäre das denn eine Stellschraube, die du als Kanzlerin auch bedienen könntest? Oder fällt das eher nicht in deinen Aufgabenbereich?

Myrle: Was heißt in meinen Aufgabenbereich? Es ist ja egal, ob es in meinen Aufgabenbereich fällt oder nicht. Der Rektor und ich wir sind sozusagen die Köpfe der Hochschule, wenn man hierarchisch denkt. Dann ist die Frage, an welchen Stellen  solche Kampagnen starten müssen. Gut ist meiner Erfahrung nach ein Zusammengehen. Das heißt, wenn Basisbewegungen, wie das, was ihr von studentischer Seite getragen macht, starten. Wenn dann Führungspersonen gefunden werden, die sich für die Sache stark machen, ist das ein Gewinn. Die reinen Graswurzelinititiativen führen häufig nicht zum Erfolg. Man sagt ja nicht umsonst: “Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken.” Und man weiß es aus vielen Veränderungsprozessen, egal was man in einem Change-Prozess verändern möchte, dass man die Führungskräfte dazu braucht. Insofern braucht man beides: oben und unten. Ich alleine würde jetzt wahrscheinlich wie eine Ruferin in der Wüste fühlen und keiner würde sich für mich interessieren, wenn ich jetzt vorschlage, 50 % Frauenanteil in allen Gremien zu haben. Vielleicht würde auch keiner sofort Nein schreien. Aber man würde eben irgendwelche vermeintlich sachlichen Argumente finden, warum das jetzt nicht geht. Insofern ist es ganz wichtig, dass es von mehreren Seiten flankiert wird, wenn es denn Erfolg haben soll.
Und zumindest die Diskussion, wie auch immer das ausschauen würde, würde ja schon etwas ausmachen an der Hochschule.

Carla: Ja, dass das Thema einfach stärker noch bewegt wird.

Myrle: Wir haben eine Reihe Fachbereiche, da gibt es schon sehr viele Frauen, viele Professorinnen. Ich sehe die Alanus nicht als eine Hochschule mit immensem Nachholbedarf. Den haben wir in ganz anderen Bereichen, wie Digitalisierung, Personalentwicklung und Organisationsentwicklung im größeren Stil. Da sehe ich Nachholbedarf bei der Alanus. Ich sehe bei dem Thema Gleichstellung aber eine Chance darin, sich weiterzuentwickeln und mit so einer Positionierung auch deutlich nach außen zu gehen. Dann hätten wir Wirkung, wenn wir so etwas als Alanus machen und es nach außen tragen. Dann wirken wir in der Region und in die Hochschullandschaft.

Carla: Ich habe auch während meiner Recherche wie überrascht festgestellt, dass der Durchschnitt an Professorinnen in NRW bei ca. 20 % liegt und an der Alanus bei 40 %. Was immer noch nicht die 50 % sind, natürlich. Ich fand das daher interessant, weil sich diese Zahlen in dem Fachbereich Philosophie, in dem ich studiere, noch nicht so abzeichnet, da es wahrscheinlich mehr eine Männerdomäne ist, als die Kindheitspädagogik beispielsweise.

Myrle: An einer technischen Hochschule hättest du ein anderes Ergebnis gehabt. Das hat ganz viel mit Fächern zu tun. Und es gibt eben Fächer, die klassisch eher Frauenfächer sind als andere. Doch eins zeigt es eben: Wir sind da über dem Durchschnitt, aber eben immer noch nicht bei 50 %.

Carla: Und die wollen wir noch.

Myrle: Ja. Das ist eigentlich das Mindeste. Wenn wir alle die Jahrhunderte aufholen wollen, die wir gar nicht partizipieren durften, wenn wir es menschheitsgeschichtlich sehen, reichen uns 50% eigentlich gar nicht.

Carla: Niemals, nein (lacht). Ich hatte noch eine sehr aktuelle hochschulpolitische Entwicklung auf dem Schirm. Und zwar geht es um die Gleichstellungsbeauftragte, die am 10.3. ihr Amt niedergelegt hat. Einmal wollte ich fragen, wie genau es dazu kam? Außerdem wollte ich fragen, wie es dazu kam, dass es bislang keine Freistellung oder Bezahlung für das Amt gab und sie das Amt ehrenamtlich ausgeübt hat? Sind da Veränderungen im Gespräch, damit das Amt noch stärker ausgeführt werden kann?

Myrle: Da sind die Informationen nicht ganz richtig.

Carla: Ok. Dann hatte ich Frau Hendrikx beim Interview falsch verstanden.

Myrle: Die Gleichstellungsbeauftragte war mit einer relativ großen Freistellung bedacht, mit 20 Stunden pro Woche. Das ist faktisch nicht umgesetzt worden. Ich sage offen, dass Sabine die nötige Zeit schlicht nicht hatte. Das ist auch ein Grund, warum sie zurückgetreten ist. Die personelle Besetzung ist ausgesprochen schlecht in dem Bereich, den sie leitet. Da hat sich auch während ihrer Amtszeit noch etwas verändert.
Mir ist das durchaus bewusst, denn ich habe den Rücktritt mit verursacht. Ich habe mir den Bereich sehr genau angesehen. Das mache ich mit allen Bereichen, für die ich verantwortlich bin, aber auch für alle Fachbereiche. Ich denke nämlich, dass die Kolleginnen und Kollegen Zeit benötigen, sich zu überlegen, was für sie die beste Lösung für ihre Aufgaben ist. Ich komme nicht und glaube, ich wüsste, was jetzt für alle die beste Lösung ist, sondern sehe ich mich in der Rolle, Zeit und Möglichkeiten zu schaffen, sodass die Teams überlegen können, wo die Lösungen für ihre Probleme liegen. Das haben wir in dem Bereich der Studierendenverwaltung, den Sabine als Bereichsleiterin leitet, gemacht. Dabei war ein Ergebnis eben, dass sie offengelegt hat, dass sie das schlicht und ergreifend einfach nicht mehr schafft, den Bereich zu leiten und die Gleichstellungsbeauftragte zu sein. Es war eine aus ihrer Perspektive konsequente Entscheidung, die ich gut nachvollziehen konnte.

Carla: Ja, sehr.

Myrle: In der Folge ist dann etwas Interessantes passiert. Ich habe mit dem Vorsitzenden der Gleichstellungskommission darüber gesprochen, wie wir neu ausschreiben. Ich habe dann angestoßen, eine realistische und machbare Neuausschreibung  auf den Weg zu bringen, die wir dann auch einhalten.
Ich komme aus einer Hochschule (Universität zu Köln, Anm. der Red.) mit über 50.000 Studierenden mit einer freigestellten Gleichstellungsbeauftragten und komme in eine Hochschule mit knapp 2.000 Studierenden und einer halben Stelle für die Gleichstellungsbeauftragte. Da habe ich mich gewundert, wie hier gearbeitet wird und angestoßen, dass wir es lieber realistisch planen. Daraufhin hat die Gleichstellungskommission den Vorschlag gemacht, dass zwölf Stunden Freistellung gut wären. Und diese werden aufgeteilt, zwischen der Gleichstellungsbeauftragten und ihrem Stellvertreter oder der Stellvertreterin. Das ist ein ganz toller Vorschlag, weil er ermöglicht, dass mehr im Team gearbeitet wird. Diese Lösung ist auch finanziell machbar und das ist eine Seite, die ich in meiner Rolle als Kanzlerin auch immer mit im Blick haben muss.
Ich empfand den Prozess als gutes Zeichen. Unser Handeln immer wieder zu überprüfen und zu hinterfragen, ist wichtig, um in Bewegung zu bleiben.  Und da sind wir auch schon beim Thema Veränderung, Transformation. In einer Transformation ist Störung der Beginn von Veränderung. Wenn ihr mal an euer eigenes Leben denkt und ihr habt eine “Störung” wahrgenommen, nach der ihr vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen habt, dann war nicht immer gleich klar, in welche Richtung es geht. Nach so einer Störung fühlt man sich oft wie ein Hund, der sich erstmal schütteln muss und noch nicht genau weiter weiß. Man merkt nur, dass das, was bisher war, nicht so weitergehen soll. Doch was genau als Nächstes kommt ist noch nicht sofort klar. So habe ich das auch beim Amtsrücktritt von Sabine wahrgenommen. Sie hat gemerkt, dass sie beide Jobs zusammen nicht machen kann und auch (als verantwortungsvolle Führungsperson) nicht machen will. Das habe ich befürwortet und so haben wir uns dann gemeinsam auf den Weg gemacht, eine Lösung zu finden. Mit dem Vorschlag der Gleichstellungskommission habe ich nun auch das Gefühl, dass es tragfähig ist.

Carla: Damit dann da auch richtig Power dahinter steckt.

Myrle: Ja, wobei ich schon das Gefühl habe, dass die Gleichstellungskommission sehr gute Arbeit macht. Das muss man wirklich sagen.

Carla: Ja, einiges.

Myrle: Das ist nicht überall so. Hier wird die Arbeit sehr ernsthaft betrieben und das finde ich sehr gut. Aber es ist eben eine Kommission, das heißt sie macht etwas Formales. Sie schaut, dass das Mindeste, was formaljuristisch vorgeschrieben ist, auch eingehalten wird. Das ist ihr Job als Kommission. Aber das ist nicht dasselbe wie “eine Hochschule ist in Bewegung für Geschlechtergerechtigkeit”. Gremien, Erlassungen und Gesetze werden immer in Formen gegossen bei Themen, die vorher schon gesellschaftlich verhandelt wurden. Man findet keine gesetzliche Regelung, die dem vorgreift, sondern es ist immer das Festschreiben von Prozessen, die vorher stattgefunden haben. Denkt an die Ehe für Alle: Die Diskussion ging jahrelang, jahrzehntelang. Als sie dann eingeführt wurde, empfanden das viele als überfällig. Die gesellschaftliche Debatte war folglich eigentlich schon weiter als die Gesetze.

Carla: Nochmal zu einem anderen Thema: Auf deiner Homepage konnte ich nachlesen, dass ein großes Interessenfeld von dir auch die digitale Lehre und generell die Transformation von Bildung ist. An der Stelle habe ich mich gefragt, ob du dich in dem Bereich mit feministischen Ansätzen auseinandergesetzt hast und wenn ja, mit was genau?

Myrle: Explizit noch nicht. Was aber mittelbar damit zusammenhängt, ist das mobile Arbeiten. Eine kleine Anekdote: Gestern war ich Teil einer Gesprächsrunde in der Socialbar in Bonn und dort erzählte eine Oberstufenschülerin, dass sie momentan 24/7 mit PC und Handy verbringt, weil digital alle Mitteilungen, auch von der Schule, verschickt werden. Interessant ist in dem Zusammenhang die gesamte gesellschaftliche Transformation, die wir aktuell erleben und die uns ein ganz hohes Maß an Flexibilität abverlangt. Mobiles Arbeiten hat Vorteile für die Geschlechtergerechtigkeit. Man darf das aber nicht damit verwechseln, dass die “Mutti” jetzt schön noch arbeiten kann, während sie gleichzeitig die Kinder betreut. Das ist während der Pandemie sehr deutlich geworden. Gleichzeitig ist es aber so, dass mobiles Arbeiten diese Teilung der Care-Arbeit auch ganz anders möglich macht. In dem Moment, in dem Wege wegfallen, andere Möglichkeiten der Kommunikation entstehen, in dem man nicht vor Ort sein muss, kann man viele Vorteile für eine geschlechtergerechtere Aufteilung beobachten. Die Veränderungen kommen aber nicht von alleine. Diese kommen nur dann, wenn wir das auch fokussieren.
Es ist leichter aus dem Home-Office beispielsweise die Aufteilung der Care-Arbeit anders zu organisieren. Ich kann das aus eigener Erfahrung sagen, denn als ich kleine Kinder hatte, war ich Lehrerin und es war ein riesiger Vorteil für mich flexibel arbeiten zu können. Ich wollte nicht sehr wenig oder gar nicht arbeiten. Ich habe ungefähr auf einer  ⅔-Stelle gearbeitet und das ging nur, weil ich Flexibilität hatte. Ich habe an einer Ganztagsschule gearbeitet, das hieß z.B., dass das

Kind in der Kita war und ich es nach der Arbeit abholen konnte. Abends, wenn das Kind geschlafen hat, habe ich wieder gearbeitet. So ein Konzept  muss man wollen. Ich  würde auch nicht jeder Frau sagen, dass man das so machen muss. Für mich war es aber ideal. Aber in einem anderen Job wäre das so eventuell nicht möglich gewesen. So negativ wie es auch ist, dass Lehrer:innen vielfach keine eigenen Arbeitsplätze an Schulen haben, aber für mich hatte das viele Vorteile: Ich konnte für meinen persönlichen Lebensentwurf und meinen Wunsch weiterzuarbeiten und nicht Vollzeit-Hausfrau zu sein, diese Struktur nutzen. 
Man muss natürlich schauen, ob man diese Vorteile nutzen möchte und gut darauf achten, wann die Selbstausbeutung anfängt und bis wohin es für einen sinnvoll ist. Für mich war es ein sinnvolles Konstrukt.

Carla: Danke dir. Dann kommen wir jetzt auch schon zur letzten Frage. Die haben wir Marlene auch schon gestellt und wir wollen sie weiterhin ans Ende der Interviews setzen: Wenn du einen Tag lang Königin der Alanus Hochschule sein könntest, welche drei Veränderungen würdest du gerne durchsetzen, die die Hochschule geschlechtergerecht machen? Wir sehen an dieser Stelle mal davon ab, dass im feministischen Rahmen oft versucht wird, Hierarchien abzubauen.

Myrle: Naja, das wäre ja leicht für mich: Ich würde ein Dekret erlassen und wir hätten die Quote. Überall. Dann hätten wir eben nicht 40 % Professorinnen, sondern mind. 50 %. Das wäre das erste, was ich umsetzen würde. Das zweite wäre, dass wir einen ganz anderen Campus hätten: Der hätte einen Waldorfkindergarten. Der wäre hier integriert. Wir hätten eine Kooperation mit den Grundschulen nebenan. Wir hätten aber auch nicht diese Büros, in denen ich hier zum Beispiel sitze. Studierende, Lehrende und Uni-Verwaltung wären ein miteinander verschmelzender Organismus. Ich weiß, dass das community feeling an der Alanus schon viel stärker ist, als an anderen Hochschulen, aber es spiegelt sich noch nicht in allem. Auf der Beziehungsebene zeigt es sich, aber ich würde es gerne architektonisch sehen  – und in allem, was wir tun. Für mich ist das nicht schön in einem Verwaltungstrakt zu sitzen. Ich brauche das nicht. Ich könnte auch irgendwo anders sitzen und bräuchte dann vielleicht mal eine Art Telefonzelle, um so ein Gespräch wie unseres führen zu können. Eine an Aufgaben, nicht an Funktion und oder Status geordnete und ausgelegte Organisation der Räume fände ich spannend. Ich brauche hier kein kleines Königinnenreich als Raum.
Alles würde ganz anders aussehen, weil ich glaube, dass die Raumgestaltung auf uns zurückwirkt. Wir können durch dieses Äußere auf unser Inneres Einfluss nehmen. Deswegen würde ich das alles verändern wollen.
Als Drittes: Ich bin überzeugt davon, dass Sprache Wirklichkeit schafft und wenn ich eins festgestellt habe, dann, dass konsequentes Gendern hier noch nicht selbstverständlich ist. Denn wenn nicht gegendert wird und mit dem generischen Maskulinum gesprochen wird, kriege ich Hörner, weil es Unsinn ist, dass Frauen mitgedacht werden. Es ist eine Debatte, die dazu führt, dass man sich pseudorational mit etwas auseinandersetzt und es in Wirklichkeit darum geht, Frauen weiterhin raus zu halten und sei es nur aus der Sprache. Ich behaupte, dass hinter dem generischen Maskulinum mehr steckt.
Das sind ja eigentlich drei machbare Sachen. Da brauche ich gar nicht Königin werden, da kann ich Kanzlerin bleiben! Ist mir auch lieber.

Carla: Ja, sehr gut. Dann sind wir doch schon auf dem richtigen Weg.

Myriam: Ja, vor allem die zweite Idee hat mir wirklich sehr gut gefallen. Finde ich sehr spannend.

Myrle: Weißt du, das verändert alles. Wir haben ja nicht nur ein Geschlechterthema, wir haben auch ein Augenhöhe-Thema. Sprechen wir wirklich auf Augenhöhe miteinander? Ist wirklich alles so transparent, wie es sein müsste? Haben wir Methoden und Räume, die uns Partizipation wirklich ermöglichen? Das haben wir alles nicht und das betrifft nicht speziell die Geschlechtergerechtigkeit, aber es hat damit ganz viel zu tun. Denn wenn wir all das nicht haben, orgeln wir immer an einem kleinen Thema rum, behalten die ganzen antifeministischen und frauenfeindlichen Strukturen bei. Darum müssten wir,, viel mehr strukturell verändern. Das Thema Geschlechtergerechtigkeit zusammen Denken mit den Themen Antirassismus, Antisemitismus, Diversität. Wir haben zum Beispiel an Campus I keinen Campus, der es wirklich ermöglicht, Menschen mit allen Handicaps aufzunehmen. Wir haben so viele Segmente, in denen Veränderungsbedarf besteht und solange wir das alles isoliert betrachten und isoliert daran arbeiten, ändern wir nicht die Strukturen und nicht das System. Das ist aber das Eigentliche in einer Organisationsentwicklung: Die Struktur und das System zu verändern.

Carla: Da hatte ich schon Sorge, dass ich die Frage nach Intersektionalität an der Alanus Hochschule gar nicht mehr stellen kann, aber jetzt wurde sie schon beantwortet. Da bin ich sehr deiner Meinung, dass wir nur im Gesamtspiel von allem schauen können, was wir verändern können.

Myrle: Ich bin dafür, das eine zu tun und das andere dafür nicht zu lassen. Es muss immer ein gewisser Pragmatismus dabei sein. Diesen bräuchte es zum Beispiel bei einer Diskussion um die Quote, bei der klar ist, dass es etwas Isoliertes ist. Gleichzeitig sollte man im Blick haben, dass das alleine es nicht ist. Es besteht sonst die Gefahr, dass man die Systemveränderungsanforderung immer größer werden lässt, weil ja so viel zu bedenken ist. Dann findet man irgendwann gar keinen Punkt zum Anpacken mehr. Auch das ist meiner Meinung nach ein dialektisches Verhältnis und widersprüchlich, weil die Forderungen und die kurzfristigen Änderungen, die ich formuliere, werden nie hinreichend sein. Trotzdem sind sie aber notwendig. Man  muss dabei eben auch bedenken, dass nur die Einführung der Quote uns noch nicht zur geschlechtergerechten Hochschule macht. Off the records: Ich finde es übrigens mega gut, dass ihr das macht mit der Themenwoche.

Carla: Schön zu hören.

Myrle: Ich kenne diese hohe Beteiligung von Studierenden  nur von kleineren privaten Hochschulen. Die Code-University in Berlin gehört dazu, die Zeppelin-Uni oder auch die Uni Witten-Herdecke. Alle haben das Profil, stark die Ausbildung in die Hände der Studierenden zu legen und zu vertreten, dass es ein absolutes Learning für Studierende ist, so etwas zu organisieren, diese Interviews zu führen, etc. Das ist schon toll. Da ist die Alanus in vielen Bereichen einfach eine gute und tolle Hochschule. Sonst wäre ich auch nicht gekommen (lacht).

Carla: (lacht) Dann vielen, vielen Dank fürs Interview. Ich fand es sehr spannend. Ich nehme viele Gedankenanstöße mit, die ich noch weiter verfolgen werden.

Myriam: Da kann ich mich auch nur anschließen. Auch von mir ganz herzlichen Dank für die Zeit, die Impulse und den Input.

Myrle: Sehr gerne!

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